Dienstag, 11. September 2012

The End of Chicken Soup



Eine große Entschuldigung an alle, die meinen Blog lesen und so lange auf einen neuen Eintrag warten mussten. Sagen wir mal – ich war in Winterstarre J Allerdings hat sich der Winter am Kap als gar nicht so kalt, unerbittlich und regnerisch herausgestellt wie angekündigt und befürchtet. Es war zwar angeblich der kälteste Winter seit 10 Jahren (typisch – genauso wie es der heißeste Sommer seit 50 Jahren war in dem Monat, in dem einen Freundin und ich vor 2 Jahren nach Israel gefahren sind…), aber auf einmal ist er vorbei und man erinnert sich an Cape Town im Sommer: Wochenenden am Strand, Flip Flops und kurze Kleider, Straßenhändler, die „sakkas“ („suckers“ – Eislollies) verkaufen für 5 cent das Stück verkaufen, und natürlich amerikanische Touristen (obwohl die, wenn ich es mir genau überlege, nicht mal im Winter eine Hot-Pants-Pause eingelegt haben). Bei Hillsong bedeutet das: Erleichterte australische Pastoren auf der Bühne, die Dankgebete sprechen und sich in ihrer Berufung in dieses Land auf einmal wieder bestätigt fühlen...

Kurz: Winter in Südafrika ist ein Kampf, der gemeinsam gefochten wird und dessen Ende auch gemeinsam gefeiert wird. Der „National Braai Day“ (ja, es gibt hier einen Nationalfeiertag zum Grillen!) rückt näher, überall werden Freudenfeuer entfacht und die Restaurants können endlich ihre schlechten „Gluhwein“-Imitate durch das ersetzen, was sie können: Cocktails, Eiskaffee und, nun ja, das Nationalgetränk „stoneys“ (Ingwerbier ohne Alkohol). 

Wir wachen also auf zu einer weiteren Sonnensaison, wachen auf zu dem Cape Town, das alle so lieben. Wir wachen aber auch immer noch auf zu dem Land, das es vor dem Winter war, wir sehen immer noch die Zahlen in den Nachrichten, überlesen inzwischen vielleicht die täglichen Meldungen von „crime report“, überhören vielleicht eine weitere traurige Geschichte, die uns erzählt wird, und Marikana und das Drama an der Mine im Nordosten von Südafrika sind sehr weit weg hier am Kap. 

Zeit, zur Realität aufzuwachen, ohne sich schlecht zu fühlen, Zeit um zu realisieren: In diesem Land ist einfach noch viel zu tun, Palmenhintergrund hin oder her. 77.000 Abtreibungen werden jedes Jahr offiziell in Südafrika vorgenommen – die inoffizielle Zahl geht wahrscheinlich ins Doppelte. Das sind mindestens 420 Abtreibungen am Tag. Offizielle 25 Menschen versuchen sich täglich das Leben zu nehmen. Es gibt Provinzen, in denen jeden Tag 11 Menschen ermordet werden. 16.000 Schüler in der Provinz Limpopo können zur Zeit nicht zu Schule gehen, da die Lieferanten des Schulmaterials sich weigern, die Gegend zu beliefern – es sei ihnen zu gefährlich. Die Schulen werden einfach geschlossen. 

Als Südafrikaner hört man vielleicht irgendwann auf, Nachrichten zu lesen und zu hören, um sich schlaflose Nächte und ein schlechtes Gewissen zu ersparen. Meine Schlussfolgerung für den kommenden Sommer allerdings ist: Es reicht nicht, realistisch zu sein. Oder, wie es sich die Hillsong Africa Foundation auf die Fahnen geschrieben hat: „We cannot do everything. But we HAVE to do something.“ 
At the end of the chicken soup there is always a bowl to clean! Heißt so viel wie: Kräfte sammeln ist gut - sie dann für etwas einzusetzen, ist besser. 
In diesem Sinne: Auf einen produktiven Sommer!

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