Montag, 30. April 2012

"Was ist Dein Traum?"


Als ich 10 Jahre alt war und in das Poesiebuch meiner Freundin unter die Frage „Was möchtest Du mal werden?“ die Antwort „glücklich“ schrieb, kam ich mir sehr erwachsen vor. Reif und reflektiert. Nein, nicht Ärztin wollte ich werden, oder Popsängerin (wie egoistisch!), sondern – wie bescheiden und doch tiefgründig – einfach nur glücklich.
Heute, 17 Jahre und einige Erfahrungen später (davon haben die wenigsten mit Ärzten oder Popsängern zu tun), wird mir diese Frage wieder gestellt. „Was ist Dein Traum?“ Der sichtlich vom Leben gezeichnete Taxifahrer hat echt Nerven, nachts um 3 tiefenphilosophisch unterwegs zu sein.
Und doch stelle ich fest: Die Frage lohnt sich. Und meine Antwort ist heute eine ganz andere als damals im Kinderzimmer. Ich frage mich selbst: Habe ich überhaupt das Recht auf ein glückliches Leben? Wer sagt mir eigentlich, dass ich es mehr verdient habe als der Taxifahrer, der 24-Stunden-Schichten schiebt, danach mit 20 Euro nach Hause geht und davon Frau und fünf Kinder ernähren muss?
Ist es nicht eher selbstsüchtig, glücklich werden zu wollen in einer Welt um mich herum, in der die Menschen nicht Zeit und Kraft für Luxusfragen wie die nach dem aktuellen Punktestand auf der Skala des Wohlbefindens aufbringen können, weil sie zu viel mit dem reinen Überleben zu tun haben?
„Was ist Dein Traum?“ Und ich merkte: Meine Antwort hat sich verändert, weil die Menschen, die mir diese Frage stellen, mein Gewissen herausfordern und die Maßstäbe, an denen ich den Wert und die Qualität meines Lebens gern messe, ins Wanken bringen.
Ich realisierte außerdem: Glücklich sein kommt nicht von Glück haben oder Glück fühlen. Es hat sowieso eigentlich recht wenig mit Glück zu tun. Ich habe keinen Anspruch auf eine ständige Bestätigung meiner inneren Freude, egal ob in Afrika oder Deutschland. Aber ich erhebe Anspruch auf eine Zielgerichtetheit im Leben, einen Zweck, den es erfüllt, und der weniger mit mir und mehr mit den Menschen um mich herum zu tun hat.
Glücklich sein? Vielleicht. Aber nicht als Ziel, eher als Nebenwirkung. Das sagte ich auch dem Taxifahrer. Und jetzt hätte ich gern das Poesiealbum noch einmal, bitte.

Freitag, 20. April 2012

Sage mir, wo Du arbeitest, und ich sage Dir...

Was die Leute so sagen, wenn sie hören, dass ich in Khayelitsha arbeite: 

Deutsches Rentnerpaar, im Exil in Südafrika: Ist das nicht GEFÄHRLICH? Aber die Schwarzen sind ja ganz niedlich da, oder? Denen geht’s so schlecht, und sie sind trotzdem immer froh. 

Schwarzer Südafrikaner: Willst Du mich heiraten? Ich möchte weiße Kinder!

Holländische Volontärin: Cool, wo denn genau? Ich hab mal in Site B, H-Section gewohnt! 

Weißer Südafrikaner: Das ist zum Totlachen. Du bist verrückt. Ich werde kein Mitleid mit Dir haben, wenn Dir da was passiert. Außerdem sind die Leute da selbst Schuld, wenn sie keinen Job haben. 

Verkehrspolizisten auf Streife (farbig und weiß), wir verbringen gemeinsam mit Freunden aus Khayelitsha einen Tag dort: Ihr wisst schon, dass das gefährlich ist, hier langzulaufen? Wer sind denn die da bei Euch? Kennt Ihr die? Wer ist der Tourguide? Wo geht Ihr hin? Wo wohnt Ihr? Man sieht Euch von 2 Kilometer Entfernung. Ihr fallt so auf. Seid bloß vorsichtig! (Wir haben uns dann vergeblich bemüht, diesen beiden zu erklären, dass wir hier Freunde besuchen.)

Amerikanischer Freiwilliger: Wie versorgen sich die Menschen da eigentlich so ohne Strom und Wasser? Und gibt es eine medizinische Versorgung für sie? (In Khayelitsha wurden eben erst eines der neusten und modernsten Krankenhäuser Südafrikas eröffnet. Es ist nur eines von vielen Krankenhäusern in diesem Township.)

Weiße Südafrikanerin: Du bist mutig (Lachkrampf). Und wie kommst Du dorthin? Mit dem Minibus Taxi?? (neuer Lachkrampf). Oh mein Gott. Das würde ich niemals machen!

Weißer Südafrikaner: Oh. Da gibt es viel zu tun.

Schwarze Südafrikanerin aus Khayelitsha: Haibo! Das ist ein guter Ort. Das ist gut, dass Du da bist!

Alle Angaben erfolgten ohne Gewehr und beruhen auf Tatsachen. Falls eine polarisierende Tendenz zu erkennen ist, betone ich, dass es sich hier um wörtliche (übersetzte) Zitate aus meinem Alltag handelt.

Mittwoch, 11. April 2012

Von Taxis, Ostern und Basketbällen

Mit Ostern hält in Südafrika der Herbst Einzug. Nach vier Monaten, in denen ich meine FlipFlops nur zum Schlafen ausgezogen hab, meine Bein-Bekleidung allerhöchstens bis zum Knie reichte und die Sonnenbrille sogar für mich zum unentbehrlichen Utensil geworden ist, kugel ich mich nun nachts bei 15 Grad Celcius unter zwei Decken und lass die Wollstrümpfe an (Gruß nach Deutschland an eine liebe Freundin, die anscheinend wusste, dass dieser Moment kommen würdeJ). Klingt etwas übertrieben, aber selbst Voltaire stellte schon fest: „Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ Ich habe ich dermaßen an den südafrikanischen „endlosen“ Sommer gewöhnt, dass das Ende desselben dann anscheinend doch ein Härtefall ist. 

Photo by: Hillsong Church Cape Town
Auch sonst war mein erstes Ostern hier ganz besonders und unvergesslich. Ich habe es zu großen Teilen in meiner Gemeinde, der Hillsong Church Cape Town, verbracht, und staunte angesichts der Massen von Besuchern, denen ich als neues Mitglied des „welcome-Teams“ nun jeden Sonntag persönlich die Hand geben darf/muss. Es mussten sogar spontan weitere Gottesdienste angehängt werden, da am Eingang eine Schlange mit mehreren hundert Leuten auf Einlass wartete. Das Oster-Motto „Cross = Love“ war schon in den Wochen vorher auf kreativste (und meistens legale) Art und Weise überall in der Stadt zu finden und dürfte jedem Capetonian nun ein Begriff sein...

Bei Real Youth International stehen wir mit dem neuen Schul-Term, der nach Ostern beginnt, neuen Herausforderungen gegenüber. Die Gebühr, die alle Township-Basketballteams für die Teilnahme an der Liga zahlen müssen, ist fällig und stellt viele NGOs vor finanzielle Engpässe. Wir bemühen uns, die Summe von 1000 Rand (=ca. 96 Euro) aufzubringen, weil wir davon überzeugt sind, dass die Teilnahme an offiziellen Turnieren die Jungs unserer Teams motiviert und voranbringt und ihnen die Chance gibt, ihre Basketball-Fertigkeiten auszubauen. Einige der Spieler aus der Vergangenheit haben teilweise sogar auf der nationalen Ebene gespielt.
Wenn Ihr Euch angesprochen fühlt, uns bei diesem konkreten Posten zu unterstützen, freuen wir uns sehr über jeden Euro, mit dem wir den 96 Euro näher kommen. Vielen Dank, wenn Ihr uns helft, den Kids aus Khayelitsha eine erfolgreiche Basketball-Saison zu ermöglichen! Um Euch das so einfach wie möglich zu machen und um Euch vor Gebühren zu bewahren, spendet bitte mit dem Stichwort „Donation Basketball Fee RYI“ auf mein deutsches Konto: Kornelia Bernick, comdirect Bank, Konto-Nr: 583663000, BLZ: 20041155. 

Ich schließe mit einer Minibus-Taxi-Anekdote von gestern: Wir sind unterwegs im Minibus, ein anderer Autofahrer kommt herangerast und hätte uns um ein Haar gerammt. Unser Fahrer flucht, alle im Bus halten den Atem an. Nur der Beifahrer, den es fast erwischt hätte, meint trocken: „Oh mann. Das muss ein Taxifahrer außer Dienst sein.“

Montag, 2. April 2012

Wenn Rechte Gesetze wären...

Am 21. März war in Südafrika Tag der Menschenrechte (human rights day) – immerhin Anlass genug, um einen Feiertag einzulegen und viele Konzerte und Sponsor-Aktionen zu veranstalten.*
Anlass auch für mich, um die Umsetzung der Menschenrechte in Südafrika mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen! Spannend in einem Land, für das die Realisierung von Begriffen wie „Gleichberechtigung“ und „Meinungsfreiheit“ immer noch echtes Neuland ist.
Als die Vereinten Nationen im Jahr 1948 die Menschenrechte verabschiedeten, bezeichneten sie diese als „Ideale“ – es handelt sich eben um Rechte und nicht um Gesetze. Seit dem ersten Tag der Verabschiedung schiffen alle Nationen mehr oder weniger um die konsequente Umsetzung der geforderten Zustände herum und machen es wie Südafrika: Ganz groß zelebriert wird hier z.B. die liberale und damit sehr fortschrittliche Einstellung homosexuellen und transsexuellen Bürgern gegenüber. Etwas weniger genau wird es damit anderen Paragraphen genommen.
Von Deutschland aus lasen sich die Menschenrechte für mich zwar immer sehr idealistisch, aber trotzdem als allgemeiner Konsens der Gesellschaft. Hier in Südafrika stehen mir unmittelbar Bilder aus dem Alltag vor Augen, die die Menschenrechte als absurde Ideen erscheinen lassen, die nichts mit der Realität zu tun haben – witzige Einfälle, fast im Sinne von: „man kann ja mal träumen“. 

Einige Blitzlichter aus meinen alltäglichen Beobachtungen, zum Nachdenken und Hinterfragen:
In den Schulen begegnen mir die Lehrer gewöhnlich mit einem grimmigen Lächeln im Gesicht und einem Prügelstock in der Hand – Recht auf gewaltfreie Erziehung und Unversertheit?
In einer staatlichen Umfrage zum Thema Kriminalität im Jahr 2011 gaben über die Hälfte der Befragten (54%) an, sich in Südafrika im alltäglichen Leben extrem unsicher zu fühlen. Ein Drittel (33%) gaben an, das Aufsuchen öffentlicher Plätze ohne Begleitung zu vermeiden, während 22% ihre Kinder nicht ohne Aufsicht in der Umgebung des Hauses spielen lassen würden. Interessanterweise gaben 57,6% an, dass Verbrechen vor allem auf Grund von realen Nöten begangen werden und nicht vorrangig aus Gier oder anderen Motiven. Das Recht auf die Freiheit und Sicherheit der Person ist in Südafrika nach wie vor eines der größten Fragezeichen von allen.
Das Recht auf Gleichheit, ungeachtet Rasse und Hautfarbe, sollte Südafrikas Thema Nummer 1 sein. Nichtbenachteiligung bedeutet aber auch immer Nichtbevorzugung – heutzutage beklagen sich weiße Südafrikaner, dass der Spieß umgedreht wurde. Fotos sind bei Bewerbungen nicht erwünscht, Voraussetzung aber die Angabe der Hautfarbe. Bewerber mit schwarzer Hautfarbe haben in diesen Tagen gewöhnlich die besten Chancen auf einen Job.
Ganz aktuell aus Khayelitsha: In den letzten 2 Wochen wurden dort mindestens 8 Menschen auf grausamste Art hingerichtet, angefeuert von tausenden von Schaulustigen. Die Opfer standen unter Verdachte, Diebstähle begangen zu haben. Das Misstrauen der Polizei gegenüber ist so groß, dass Selbstjustiz in den Townships inzwischen sehr üblich ist. Schutz vor Folter, grausamer Behandlung oder Strafe? Das Recht auf menschenwürdige Behandlung und einen fairen Prozess? Fehlanzeige.
Zum Weiterlesen: Amnesty International veröffentlicht im Rahmen der Menschenrechte jedes Jahr exzellente, da kurze und konkrete, Länderberichte. Hier findet Ihr den Bericht für Südafrika von 2011.
Wilhelm Raabe sagte: „Hoffnung und Freude sind die besten Ärzte.“ Freude gibt es bei den Südafrikanern schon in Mengen – und die Hoffnung am Kap auf eine Zukunft, die die Menschenrechte achtet, gibt hier niemand auf. Es ist immer noch ein Kap der guten Hoffnung. 

*Am 21. März 1960 wurden in Sharpeville, Südafrika, 69 Menschen getötet, als sie gegen das rassistische Apartheidsystem und für ihre Rechte als Menschen demonstrierten. Um an das sogenannte „Sharpeville Massaker“ zu erinnern, wird seit dem Ende der Apartheid in Südafrika an diesem Tag der Tag der Menschenrechte gefeiert. (Quelle: Südafrika feiert Tag der Menschenrechte | afrika-travel.de)