Dienstag, 21. Februar 2012

Colourblind

Im neuen Suedafrika habe sich die Zeiten geaendert. Schwarz gegen weiss – das war einmal. Anscheinend heisst es ab jetzt: Jeder gegen jeden – das macht doch viel mehr "Spass"!
Nummer 10 der Dinge in Suedafrika, die mir manchmal das Leben schwer machen, aber die einzige Tatsache, die ich nicht bereit bin, zu akzeptieren, ist der latente Rassismus, der inzwischen aber schon gar nicht mehr kaschiert werden muss.
Fakt ist: Alles, was man sagt und tut, ist ein politisches Statement. Mit wem ich tanze, wo ich wohne, welches Verkehrsmittel ich benutze, welche Sprache ich spreche, in welche Gemeinde ich gehe oder welche Musik ich hoere: Es verraet mehr als nur meinen Geschmack, es verraet meine Herkunft und Identitaet. Mein Tanzstil ist nicht gut oder schlecht, sondern weiss, meine Kleidung nicht schoen oder Geschmacksverirrung – ich bin weiss gekleidet. Der Busfahrer ignoriert Dich? Kein Wunder, er ist weiss und mag keine Coloureds. Ich kann mir nach einem fuenfminuetigen Gespraech nicht unbedingt vorstellen, den schwarzen Suedafrikaner mir gegenueber zu daten? Ich muss mir vorwerfen lassen, rassistisch zu sein und etwas gegen Schwarze zu haben.
Meine Gasteltern schlagen die Einladung zu unseren Nachbarn nicht aus Zeitgruenden aus, sondern aus Scheu vor der Gesellschaft von weissen Leuten (okay, ich bin weiss und wohne bei ihnen – aber ich zahle J). Sogar vor der Kirche machen solche Einstellungen nicht halt. Meine Freundin Dela musste erleben, wie der freundliche Farbige, der uns nach Hause fahren wollte, gar nicht mehr freundlich war, als sich herausstellte, dass Dela schwarz ist – er hat sie schlichtweg ignoriert.
So scheint die suedafrikanische Gesellschaft eine Brille zu tragen, die filtert: Sie filtert Anteile der Persoenlichkeit heraus, bis das Feindbild passt. Und ich merke, dass es gar nicht leicht ist, sich daraus herauszuhalten. Das Maedchen in der Schlange draengelt sich vor? Das macht sie extra, um mir eins auszuwischen, sie mag halt keine Weissen.
Ich koennte buchstaeblich stundenlang von den unglaublichsten Begebenheiten erzaehlen. Von Touristen, die nicht in Clubs gehen, in denen Schwarze sind. Von Restaurants in Stellenbosch, in die Schwarze keinen Zutritt haben. Zulus glauben, alle Xhosas seien faul, waehrend jeder Kongoloese weiss, dass Nigerianer die eigentlich Faulen sind. Oder von all den Gefaelligkeiten, die mir zuteil werden, weil ich zufaellig die beliebteste Hautfarbe habe. Mein Kollege Dumza und ich machen uns einen Spass daraus, in Khayelitsha die Strasse zu ueberqueren - getrennt. Die Autos stoppen fast immer fuer mich, aber niemals fuer ihn.
Das alles ist kein Geheimnis und auch nichts neues fuer jemanden, der in Suedafrika gelebt hat. Jeder ist sich dessen bewusst und versucht es in den Alltag zu integrieren.
Ich wuenschte, wir waeren alle nur fuer einen Tag farbenblind. Wie saehe das Leben hier aus? Wohin wuerden wir uns wagen? Wen wuerden wir gruessen, wen vielleicht auch einfach nicht mehr?
Es ist von aussen schwer zu begreifen, was in diesem Land passiert. Man kann es vielleicht nur verstehen, wenn man Teil der Gesellschaft ist und die systematische Rassentrennung zu Zeiten der Apartheid erlebt hat. Es macht mich nicht nur nachdenklich, sondern auch traurig, und einmal mehr habe ich das Gefuehl, meine Heimat Deutschland mit anderen Augen zu sehen.

Montag, 13. Februar 2012

Ten things I hate about...


Als Besucher in Suedafrika ist es nicht schwer, alles hier zu lieben: Das Land, die Menschen, das Essen, das Wetter.
Als Bewohner Kapstadts habe ich jedoch durchaus meine Momente, in denen ich nicht anders kann: Trotz Sonne und Strand finde ich hier laengst nicht alles immer liebenswert.
  1. Suedafrikanische Computerviren – heimtueckisch, in hoechstem Masse anggressiv, langlebig und nachweislich sogar auf Kameras uebertragbar.
  2. Plastiktueten – Suedafrika, das Land der gelben plastic bags. Meine Versuche, an der Supermarktkasse auf sie zu verzichten, wurden entweder mit Unverstaendnis erwidert oder ignoriert.
  3. African time – manche Tage verbringe ich mehr mit Warten als mit etwas, das sich produktiv anfuehlt. Dass ich zum Visum Beantragen einen vollen Tag einplanen muss, leuchtet mir dabei fast noch ein... Einziger Bonus: Warten in Afrika ist extrem unterhaltsam und niemals einsam!
  4. Fast Food – wer immer schon einmal Vegetarier werden wollte, es aber aus mangelnder Disziplin nicht geschafft hat, wird sich nach 6 Wochen zwischen KFC, Wimpy’s, Hungry Lion, McDonalds und all den anderen grossen und kleinen Imbisstempeln garantiert zu einem fleischfreien Lebenswandel bekehren.
  5. Fast Food Teil 2: Die Rueckkehr zu dem guenstigen Strassenessen, nachdem man herausgefunden hat, dass das Einkaufen in Supermaerkten und Kochen von Mahlzeiten hier zwar ernaehrungs-, aber nicht preisbewusst ist.
  6. Kriminalitaet – die Erkenntnis, dass man in diesem Land wirklich nirgendwo sicher ist, das Knistern des Elektrozaunes um unser Grundstueck, der staendige Blick ueber die Schulter oder die Ausgangssperre nach 7 Uhr abends (es sei denn, man hat ein Auto – oder Freunde!) sind die Dinge, die die Lebensqualitaet in Deutschland ausnahmsweise nicht schlagen.
  7. Dass man zum Pinguine-Angucken 4 Euro bezahlen muss. Und dass es Touristen gibt, die das auch noch tun (wo man doch vom Zaun aus auch ganz niedliche Exemplare sehen kann...)
  8. Haie – angeblich gibt es hier sogar mehr als an den Kuesten Australien. Kein Kommentar.
  9. Das eiskalte Wasser an den Straenden, das direkt vom Suedpol kommt und unterwegs nicht viel an Temperatur gewonnen hat. Jeden Sonntag Morgen treffen sich in Camps Bay die “Polar Bears“ und trotzen der Natur (ich meine: Sonntag Morgen! 9 Uhr! 13 Grad Wassertemperatur! Und Nummer 8!!!)
Stimmt, das waren nur 9. Nummer 10 braucht etwas mehr Platz und Zeit und ist ernsthafterer Natur, weshalb ich sie fuer meinen naechsten Eintrag aufhebe.
Wer jetzt vielleicht verstoert ist ueber meine Einstellung Suedafrika gegenueber: Ich halte es mit dem unbekannten Weisen, der sagte: Man liebt niemals weil, aber immer trotz. Ich liebe das Leben in Suedafrika – trotz und wahrscheinlich sogar auch ein bisschen weil.

Montag, 6. Februar 2012

Freiwillig

Vor einer Woche hatten wir von Real Youth International das Privileg, 160 junge Freiwillige aus den USA durch Khayelitsha zu fuehren und ihnen einen Teil unserer Arbeit und des Townships zu zeigen. Tatsaechlich landen monatlich hunderte junge Menschen aus der ganzen Welt in Cape Town, um hier fuer einige Woche oder Monate soziales Engagement zu leisten. Was fuer eine Aufgabe, sie an die Situation in den Townships heranzufuehren und sie sinnvoll zu begleiten! Wenn man hier lebt, vergisst man beinahe die Fragen, die man selbst am Anfang hatte: Wie gefaehrlich ist es hier in Khayelitsha – kann ich hier alleine herumlaufen? Woher bekommen die Menschen, die hier leben, ihre medizinische Versorgung? Warum reden immer alle von Blacks und Coloureds – das ist doch bei uns das Gleiche!? Umso mehr Spass macht es nun, eigene Erfahrungen mit ihnen zu teilen und ihr Bild von Suedafrika ein wenig mitpraegen zu koennen!
Ich bin begeistert von der Herausforderung, diesen Menschen zeigen zu koennen, dass ein Township nicht unbedingt ein gefaehrlicher Ort sein muss, in dem die Bewohner hungern. Es macht Spass, eine Seite von Khayelitsha mit anderen zu teilen, die viele nicht erwarten: Dass es naemlich als groesstes einzelnes Township Suedafrikas sehr wohl Lebensqualitaet hat und nicht ueberall nur Kriminalitaet vorherrscht. Die Arbeitslosenquote mag bei 70 Prozent liegen, und die Huetten, in denen ein Grossteil der Bewohner lebt, entsprechen natuerlich nicht unbedingt unserer Vorstellung von einem menschenwuerdigen Leben. In der Tat fuehle ich mich in Khayelitsha aber um einiges sicherer als in der Innenstadt von Cape Town oder in vielen Vororten und habe hier noch nie schlechte Erfahrungen gemacht.
Die Taxifahrten mit den Minibussen in das Township gehoeren zu meinen Lieblingsaktivitaeten; ich bin der Meinung, dass auf dieser Strecke von allen Distanzen, die ich waehrend der Woche in Minibussen zuruecklege, die lustigsten Menschen sitzen. So komme ich immer mal wieder zu einer kostenlose Xhosa-Lektion (eine der 11 Nationalsprachen Suedafrikas, die ich gerade lerne). Auch Einladungen nach Hause oder einfach tolle Gespraeche bereichern die manchmal sehr lange und abenteuerliche Fahrt in das Township. Und neulich im Taxi sass ich neben einer (anscheinend sehr beruehmten) schweizer Popsaengerin, die gerade ein Album in Khayelitsha aufnimmt und einen Kinderchor aus dem Township als Background-Chor einsetzt.
Das Leben in den Townships ist sicher nicht leicht, aber es ist auch kein Anlass fuer Mitleid oder Warnungen. Khayelitsha ist Lebensraum fuer 1,6 Millionen Suedafrikaner, die keinen Ort der Welt gegen ihr zu Hause eintauschen wuerden. Es ist ein Privileg, Gast in dieser Welt sein zu duerfen und an ihrem Leben Anteil haben zu duerfen. Ich hoffe, dass es uns von RYI gelingt, diese Botschaft an die Freiwilligen weiterzugeben und unsere Arbeit einladend zu gestalten.