Montag, 2. April 2012

Wenn Rechte Gesetze wären...

Am 21. März war in Südafrika Tag der Menschenrechte (human rights day) – immerhin Anlass genug, um einen Feiertag einzulegen und viele Konzerte und Sponsor-Aktionen zu veranstalten.*
Anlass auch für mich, um die Umsetzung der Menschenrechte in Südafrika mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen! Spannend in einem Land, für das die Realisierung von Begriffen wie „Gleichberechtigung“ und „Meinungsfreiheit“ immer noch echtes Neuland ist.
Als die Vereinten Nationen im Jahr 1948 die Menschenrechte verabschiedeten, bezeichneten sie diese als „Ideale“ – es handelt sich eben um Rechte und nicht um Gesetze. Seit dem ersten Tag der Verabschiedung schiffen alle Nationen mehr oder weniger um die konsequente Umsetzung der geforderten Zustände herum und machen es wie Südafrika: Ganz groß zelebriert wird hier z.B. die liberale und damit sehr fortschrittliche Einstellung homosexuellen und transsexuellen Bürgern gegenüber. Etwas weniger genau wird es damit anderen Paragraphen genommen.
Von Deutschland aus lasen sich die Menschenrechte für mich zwar immer sehr idealistisch, aber trotzdem als allgemeiner Konsens der Gesellschaft. Hier in Südafrika stehen mir unmittelbar Bilder aus dem Alltag vor Augen, die die Menschenrechte als absurde Ideen erscheinen lassen, die nichts mit der Realität zu tun haben – witzige Einfälle, fast im Sinne von: „man kann ja mal träumen“. 

Einige Blitzlichter aus meinen alltäglichen Beobachtungen, zum Nachdenken und Hinterfragen:
In den Schulen begegnen mir die Lehrer gewöhnlich mit einem grimmigen Lächeln im Gesicht und einem Prügelstock in der Hand – Recht auf gewaltfreie Erziehung und Unversertheit?
In einer staatlichen Umfrage zum Thema Kriminalität im Jahr 2011 gaben über die Hälfte der Befragten (54%) an, sich in Südafrika im alltäglichen Leben extrem unsicher zu fühlen. Ein Drittel (33%) gaben an, das Aufsuchen öffentlicher Plätze ohne Begleitung zu vermeiden, während 22% ihre Kinder nicht ohne Aufsicht in der Umgebung des Hauses spielen lassen würden. Interessanterweise gaben 57,6% an, dass Verbrechen vor allem auf Grund von realen Nöten begangen werden und nicht vorrangig aus Gier oder anderen Motiven. Das Recht auf die Freiheit und Sicherheit der Person ist in Südafrika nach wie vor eines der größten Fragezeichen von allen.
Das Recht auf Gleichheit, ungeachtet Rasse und Hautfarbe, sollte Südafrikas Thema Nummer 1 sein. Nichtbenachteiligung bedeutet aber auch immer Nichtbevorzugung – heutzutage beklagen sich weiße Südafrikaner, dass der Spieß umgedreht wurde. Fotos sind bei Bewerbungen nicht erwünscht, Voraussetzung aber die Angabe der Hautfarbe. Bewerber mit schwarzer Hautfarbe haben in diesen Tagen gewöhnlich die besten Chancen auf einen Job.
Ganz aktuell aus Khayelitsha: In den letzten 2 Wochen wurden dort mindestens 8 Menschen auf grausamste Art hingerichtet, angefeuert von tausenden von Schaulustigen. Die Opfer standen unter Verdachte, Diebstähle begangen zu haben. Das Misstrauen der Polizei gegenüber ist so groß, dass Selbstjustiz in den Townships inzwischen sehr üblich ist. Schutz vor Folter, grausamer Behandlung oder Strafe? Das Recht auf menschenwürdige Behandlung und einen fairen Prozess? Fehlanzeige.
Zum Weiterlesen: Amnesty International veröffentlicht im Rahmen der Menschenrechte jedes Jahr exzellente, da kurze und konkrete, Länderberichte. Hier findet Ihr den Bericht für Südafrika von 2011.
Wilhelm Raabe sagte: „Hoffnung und Freude sind die besten Ärzte.“ Freude gibt es bei den Südafrikanern schon in Mengen – und die Hoffnung am Kap auf eine Zukunft, die die Menschenrechte achtet, gibt hier niemand auf. Es ist immer noch ein Kap der guten Hoffnung. 

*Am 21. März 1960 wurden in Sharpeville, Südafrika, 69 Menschen getötet, als sie gegen das rassistische Apartheidsystem und für ihre Rechte als Menschen demonstrierten. Um an das sogenannte „Sharpeville Massaker“ zu erinnern, wird seit dem Ende der Apartheid in Südafrika an diesem Tag der Tag der Menschenrechte gefeiert. (Quelle: Südafrika feiert Tag der Menschenrechte | afrika-travel.de)

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