Mittwoch, 14. März 2012

Zwischenwelten


Meine aktuelle Herausforderung: Ein Leben zwischen den Extremen zu meistern. Nach einem Tag in einer der ärmsten Gegenden von Khayelitsha, der sogenannten „R-Section“ (Khayelitsha ist nach dem Alphabet in Abschnitte eingeteilt, um in dem Mega-Township ein Minimum an Orientierung zu ermöglichen), besuchte ich abends Freunde am anderen Ende der Stadt – in einem „estate“ – der südafrikanischen Interpretation von Wohlstand.
In der R-Section stapften wir durch knöchelhohen Sand von einer Blechhütte zur nächsten und schauten zu, wie Hühner für das Mittagessen geschlachtet und gerupft wurden. Wir gesellten uns zu einem ambitionierten Tänzer auf der Straße und besuchten Kinderhorte, in denen viel Liebe, aber wenig Geld vorhanden ist. Wir wichen Minibus-Taxis aus, die niemals bremsen, und tranken selbstgebrautes Bier, das nach all meinen Reisen wirklich das erste war, was mein Magen nicht vertragen hat...  
In Durbanville brauchten wir 7 Minuten, um überhaupt des Gelände des Estates befahren zu dürfen. Ein Estate ist ein umzäuntes, bewachtes Wohngebiet (für mich die langweiligste Art und Weise, sein Leben zu verbringen). Nach Pass-Registration, Fingerabdruck, Anruf bei unserem Freund und einem Kurz-Interview durften wir das Tor zum Wohngebiet passieren und rollten zu seiner Vila. Vier Schlafzimmer, 5 Badezimmer, Whirlpool, Bar, ein 12-teiliges und teures Soundsystem. Jetski, Speedboot und natürlich 2 Autos. Ein amerikanischer Kühlschrank, der auf Knopfdruck Eis hergibt. Eine Dusche mit Regenwaldfunktion.
Als ich abends in der Ledercouch versank, lag mir mehr im Magen als das Township-Bier. Es war die Frage nach dem Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Manche Menschen geben sich mit der Wahrheit zufrieden und können es sich „leisten“, hypothetisch zu bleiben. „Wenn sie arbeiten wollten, könnten sie arbeiten.“ „Die wollen doch mit uns auch nichts zu tun haben.“ Und für sie scheint es eine Kongruenz von Wahrheit und Wirklichkeit zu geben.
Und es gibt Menschen, die müssen sich jeden Tag einer Realität stellen, die kein Abbild einer Wahrheit ist. Ja, in Südafrika gibt es die allgemeine Schulpflicht – in Khayelitsha gibt es immer noch viele Kinder, die zu Hause bleiben, arbeiten müssen oder in Gangs abhängen, anstatt zur Schule zu gehen. Es gibt Spielplätze und Sportzentren – sie sind ungenutzt, weil sie entweder hinter meterhohem Zaun liegen oder komplett zerstört wurden.
Wenn Du mich fragst: Khayelitsha fühlt sich für mich realer an als Durbanville. Wirklich.

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