Montag, 16. Januar 2012

"Welcome Home!"

So verabschiedete sich eine Mitreisende von mir, als ich nach einer zehntägigen Reise und 26 Stunden im Bus wieder in Cape Town ankam – Nieselwetter, grauer Himmel und keine Bleibe für die nächste Nacht. Ich war mir nicht sicher, ob sie es ernst meinte – sie selbst war mehr als glücklich, endlich wieder in der Heimat zu sein (Capetonians neigen dazu, poetisch zu werden, wenn es um ihre „Mother City“ geht).
„This place I call home“ - so titelt eine große Firma auf einem überdimensionalen Werbeplakat und hängt es mitten in der Stadt auf. Wo genau dieses zu Hause ist, muss jeder selbst herausfinden. Nicht wenige der Menschen, die täglich unter dem Plakat vorbeigehen, haben kein Haus, kein Zimmer, zu dem sie abends zurückkehren.
„A home far away from home“ - das war der Slogan eines hostels in den Drakensbergen, in dem ich für ein paar Tage wohnte. Ein heimeliger Kamin, selbstgebackener Schokoladenkuchen und farbenfrohe Bettdecken – da fühlten sich vor allem Deutsche und Franzosen zu Hause :)
Und dann die zahllosen Weltreisenden, die ich jeden Tag treffe. Ich wusste gar nicht, wie viel Verkehr auf den Routen Dubai-Cape Town-Buenos Aires-Montreal-Tokio-Auckland-Sidney-Delhi - (…) ist! Und wie befreiend es für viele Menschen heute ist, keine Heimat zu haben. Viele der Reisenden konnten mir die Frage nach ihrer Meldeadresse nicht oder nur in 10-minütigen abenteuerlichen Kurzbiografien beantworten.
„Home“ - schließlich dieses Wort, das auf dem Infoheft der Hillsong Church von Cape Town prangt und auf meinem Sitz lag, als ich letzten Sonntag zum ersten Mal den Gottesdienst besuchte. Ob dieser Ort eine Heimat für mich sein kann, werde ich in den nächsten Wochen herausfinden – Hillsong bietet dafür so nette Dinge wie Strandparties und Braai- (=Grill-) Abende an...
Den ersten Schritt Richtung neue Heimat habe ich schließlich letzte Woche gemacht. Ich wohne seit Donnerstag bei einer Familie in Woodstock, das ist ein Stadtteil der Innenstadt Cape Towns. Nach vielem Suchen und Überlegen habe ich mich dafür entschieden, erst einmal zentral zu wohnen und von dort aus meine Arbeit zu beginnen. Jetzt nenne ich ein kleines, aber schönes Zimmer in dem Häuschen von Marchelle und Yen mein Eigen. Yen kommt aus dem Kongo und ist schwarz, Marchelle kommt von hier und ist farbig, sie haben zwei kleine Kinder, die aber im Internat wohnen und nur am Wochenende da sind. Zusammen sind wir damit wohl eine recht repräsentative „Familie“ für diese Stadt; gleich am ersten Tag wurde mir immerhin erklärt, dass ich nun zur Familie gehöre (das schließt Privilegien wie das Benutzen des Autos und/oder das Ausnutzen von Yen als „Driver“ mit ein...). Jetzt habe ich mein Zimmer bezogen, die Wäsche gewaschen, meine Fotos aufgehängt und Milch für den Kühlschrank gekauft – was für ein Gefühl nach 4 Wochen Nomaden-Leben! Mein Kopf fühlt sich etwas verwirrt an, nachdem mir die zahlreichen komplizierten Schließmechanismen der Außentüren und das Bedienen der Toilettenspülung erklärt wurde. Aber immerhin – es hängt wieder ein Schlüssel an meinem verwaisten Schlüsselbund.
Es ist Zeit, eine erste Woche in der neuen Heimat zu verbringen und nach und nach zu entdecken, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Vielleicht ja zu Hause?!
„Das Zweitschönste in der Welt ist, sich treiben zu lassen. Das Schönste ist, seinen Platz gefunden zu haben.“

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