In diesen Tagen erlebe ich viele Situationen und sehe viele Dinge und Menschen, die mir unglaublich bekannt vorkommen - 4 Jahre sind vergangen, und es ist so gut zu wissen, dass sich manche Dinge nicht geändert haben. Nach ein paar aufregenden Tagen in der Innenstadt von Cape Town, in der sich seit der Fussballweltmeisterschaft 2010 viel getan hat (manche Straßenecken sind mir komplett unbekannt, manche Viertel wurden umstrukturiert, ein wunderschöner lokaler Markt musste für eine moderne Fußgängerpassage weichen...), hatte ich gestern zum ersten Mal wieder die Gelegenheit, vertraute Luft zu schnuppern:
Nachdem ich mit Freunden aus dem hostel sichergestellt habe, dass mein Lieblingspark in Cape Town immer noch die beste Ausicht auf den Table Mountain hat, habe ich meine langjährige und enge Freundin Moe samt ihrer kleinen Familie getroffen, die sich gerade für einen Besuch in Cape Town aufhält. Es war unglaublich schön, an alte Erinnerungen anzuknüpfen und mal wieder "face to face" zu reden - und das alles hier, in der Stadt, in der wir 2007 6 unvergessliche Monate miteinander verbracht haben!
Um das Dèja-Vu zu vervollständigen, bestieg ich nachmittags mit Freunden den Table Mountain, der übrigens seit ein paar Wochen offiziell eines der 7 neuen Welt-Naturwunder ist. Der Aufstieg ist immer noch so anstrengend, aber die Gesellschaft war motivierend, und der Ausblick immer noch gigantisch. Wir zwangen die männlichen Freunde, bis zum Sonnenuntergang zu warten, und sahen, wie sie Sonne über dem Atlantik unterging und die reichen Vororte von Cape Town ihrer Partynacht entgegenfeierten.
Meine Freundin und zukünftige Kollegin Emma nahm mich mit auf einen Trip durch das Township, in dem ich unter anderem arbeiten werde. In Khayelitsha leben offiziell 400.000 Menschen, was lächerlich ist, da es sich zwar inoffiziell, aber sehr offensichtlich um mindestens 1,6 Millionen Menschen handelt. Die Regierung hält die offiziellen Angaben absichtlich so gering, um zu rechtfertigen, dass sie die Infrastuktur nur mit lächerlichen Ausgaben füttert und längst nicht so viel Geld und Aufwand in dieses zweitgrößte Township Südafrikas steckt wie in andere kleinere, z.B. Langa und Nyanga. In manchen Gegenden ist die Arbeitslosenrate bei 80 Prozent, die Hauptprobleme der Bevölkerung hier sind Kriminalität und HIV/Aids. Über 50 Prozent der Bevölkerung gelten als Kinder und Jugendliche. Die Zahlen die Bildung betreffend sind erschreckend, die "Drop out-Quote", also die Kinder, die aus dem Schulsystem fallen wegen mangelnder Leistung, Abwesenheit, Kriminalität etc., ist horrend.
Für mich ist die Arbeit in einem schwarzen Townshop neu. Vor vier Jahren arbeitete ich in einem farbigen Township, Mitchell's Plain, wo die Hauptprobleme bei der Drogenkriminalität, dem Drogenmissbrauch und der Bandenkriminalität (Gangsterism) liegen. Unsere Arbeit wird sich zwar auch auf Mitchell's Plain erstrecken, was für mich eine gute Nachricht ist, aber vor allem Khyaelitsha im Fokus haben.
Nach einem Besuch an diesem Ort hatte ich das Bedürfnis, all die Touristen in Cape Town und die reichen weißen Südafrikaner, die so gern gefähliche Geschichten von Orten erzählen, an denen sie noch nie gewesen sind, zu fragen: Dèja vu? Schon gesehen? Das hier ist übrigens auch Euer Cape Town.
Am Nachmittag gingen wir nach Mitchell's Plain und gerieten in den Einkaufsrummel der festive season, die alljährlich jeden Südafrikaner erfasst. Alles fühlte sich sehr vertraut an, und ich war ganz erstaunt, wie ich jede Straßenecke meiner ehemaligen Heimat wiedererkannte und problemlos die richtigen Taxis fand. Als einzige Weiße zwischen Millionen von Farbigen (die in Südafrika eine Minderheit darstellen und sich ethnisch von den Schwarzen abheben - die Farbigen sind die Mischlingsschicht, die während der Apartheid aber den gleichen Gesetzen unterlag wie die Schwarzen) fühlte ich mich erstaunlich sicher. Ich habe gemerkt, dass das MEIN Cape Town ist - nicht die Long Street mit ihren Clubs, nicht die Waterfront mit ihren teuren Läden, auch nicht Kirstenbosch Botanical Garden oder Hout Bay, wo man mit Geld und in weißer Gesellschaft faule kostspielige Sonntage verbringen kann. Dèja vu - willkommen in der Wirklichkeit der Menschen, die diese Stadt nicht bereisen oder erleben, sondern hier überleben.
Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber für heute genug. Ich werde versuchen, Bilder zu posten, aber die Hochladen von Fotos dauert hier im WLAN ewig. Bis zum nächsten Mal!
Konni, ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Ich finde es super, dass du alle Seiten von Cape Town kennst und beschreibst. Durch Menschen wie dich, die sich über die Grenzen hinweg bewegen, die durch Hautfarbe aufgestellt werden, kann sich Südafrika ändern. Es gibt euch, du bist nicht die Einzige, und das macht Hoffnung. Auch die gemischtrassigen Paare machen Hoffnung. Lass uns hoffen und beten, dass das Land die Transition irgendwann schafft, und das möglichst gewaltfrei!
AntwortenLöschenGanz liebe Grüsse
Lisa